Wie leben Menschen mit Widerspruch und gegen ihn?

In welchen gesellschaftlichen Feldern und mit welchen Effekten sind Widersprüche an den Imperativ ihrer Auflösung gebunden?

Inwieweit ist es wichtig, Beschreibungsmöglichkeiten der Aushandlung von Vielfalt und Unvereinbarkeiten zu entwickeln, die den Widersprüchlichkeiten des Zusammenlebens gerecht werden?

Wie lässt sich Widerspruch als Teil der Grundlagen westlicher/nördlicher Wissensproduktion kritisch hinterfragen und dezentrieren?

Das Graduiertenkolleg »Contradiction Studies« erforscht die Herausbildung, Aushandlungen und Erklärungsgrenzen von Widerspruch. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass die Ordnungsfigur des Widerspruchs mit dem Gebot der Widerspruchsauflösung häufig in einem Spannungsverhältnis zu alltäglichen Erfahrungen von Widersprüchlichkeiten des Zusammenlebens steht.

Auch die Situation unseres GRKs und seiner Kollegiat:innen ist widersprüchlich. Europäische Universitäten sind selbst privilegierter Teil der etablierten Ordnungen westlich-nördlicher Modernen und das GRK ist an den Schnittstellen vielfältiger sich überlappender gesellschaftlicher Widersprüche und Konflikte positioniert. Diese reichen von Widersprüchen des Kapitalismus und politischen Widersprüchen bis hin zur Ko-Existenz von antidiskriminierenden Diversity-Programmen bei gleichzeitig fortgesetzten Exklusions- und Diskriminierungsmechanismen entlang von „Race”, Class, Gender, Sexueller Orientierung, und anderen Differenzkategorien und ihren intersektionalen Effekten. Das GRK »Contradiction Studies« ermutigt seine Kollegiat:innen, Fellows und Faculty, diese Widersprüche gemeinsam zu reflektieren und zum Ausgangspunkt der Entwicklung anderer Formen des Verlernens und Lernens, der Kollaboration und der Anerkennung von Vielfalt zu machen. „Doing Difference in Good Faith Together“ (Helen Verran) mag dabei als Orientierung dienen.

Konstellationen von Widerspruch, Widerspruchsvermeidung, Widersprüchlichkeiten und Praktiken des Widersprechens werden hier systematisch erforscht und als Untersuchungsgegenstände der Geistes-, Sozial- und Rechtswissenschaften etabliert.

Auf der Grundlage von Fallstudien und genealogisch oder analytisch orientierten Projekten leistet das Kolleg Begriffs- und Theoriearbeit. Diese zielt darauf, Widerspruch, Widersprüche und Widersprechen in ihren empirischen Konstellationen, heuristischen Funktionen und ontologischen Dimensionen neu zu bewerten – auch im Sinne einer Kosmopolitisierung und Pluralisierung von Wissensproduktion, die sich gegen die oft unhinterfragte Dominanz westlich-nördlicher Epistemologien richtet.

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Ideal einer widerspruchsfreien Welt

„Wissenschaft war lange beseelt von dem Ideal einer widerspruchsfreien Welt, in der sich logische Ordnungen mit Gesellschaft, Politik, Kultur und Sprache verbinden sollten. Im GRK Contradiction Studies arbeiten wir an Beschreibungsmöglichkeiten für die Vielfältigkeit und Komplexität, die Gefährdung und Schönheit der Welt, die über Konzepte der Widerspruchsfreiheit hinausgehen.“

Michi Knecht
täglich

„Leben in Widersprüchen ist das, was wir täglich erleben. Warum wissen wir darüber so wenig?“

Gisela Febel
artikulieren

„Widersprüche müssen artikuliert werden, damit sie existieren.“

Martin Nonhoff
Erdung

„Die fachwissenschaftliche Geographie steht für eine gewisse Erdung der Widerspruchsthematik sowohl in theoretischer als auch in praktischer Hinsicht.“

Julia Lossau
anhaltendes Widersprechen

„Die Geschichte der abendländischen Philosophie lässt sich verstehen als ein anhaltendes Widersprechen und als eine anhaltende Auseinandersetzung mit Widersprüchen.“

Norman Sieroka