
Konstantinos Chatziandreou
Urbane Widersprüche und die Governance des Raumes: Die Gebietskategorie „Urbane Gebiete“ als Fallstudie
Was geschieht, wenn ein Planungssystem versucht, mithilfe eines Instruments ein neues räumliches Leitbild einzuführen, dessen regulative Logik im Widerspruch zu jener des übergeordneten Regelungsrahmens steht, in den es eingebettet ist?
Diese Frage bildet den Ausgangspunkt meiner Forschung. Anhand der vergleichsweise neuen Gebietskategorie „Urbane Gebiete“ (MU) untersuche ich, wie Widersprüche innerhalb von Planungssystemen ausgehandelt und in den urbanen Raum übersetzt werden. Die Gebietskategorie MU wurde 2017 in die Baunutzungsverordnung (BauNVO) aufgenommen und sollte neue Formen des urbanen Zusammenlebens stärken. Zu ihren zentralen Merkmalen gehören eine flexible und nicht-harmonische Mischung unterschiedlicher Nutzungen, eine höhere städtebauliche Dichte in Verbindung mit hohen zulässigen Lärmbelastungen während des Tages sowie das Leitbild der Kompaktheit, wie es unter anderem in der Leipzig-Charta zum Ausdruck kommt. Gleichzeitig ist das MU in einen regulatorischen Rahmen eingebettet, der 1962 etabliert wurde und bis heute stark am Prinzip der funktionalen Ordnung orientiert ist und historisch die funktionalistische Trennung städtischer Aktivitäten widerspiegelt, wie sie mit der Charta von Athen verbunden ist. Diese Spannung zwischen unterschiedlichen Vorstellungen urbaner Ordnung bildet das zentrale empirische und theoretische Problem des Projekts.
In meiner Forschung untersuche ich mehrere MU-Fälle in verschiedenen Städten und Gemeinden Deutschlands, um herauszufinden, wie Kommunen und lokale Planungskulturen diese Gebietskategorie interpretieren, aushandeln und in konkreten städtebaulichen Entwicklungsprojekten umsetzen. Anstatt das MU als ein feststehendes regulatorisches Instrument zu betrachten, untersuche ich, wie seine Bedeutung und seine Wirkungen erst durch Prozesse der Interpretation, Aushandlung und Umsetzung hervorgebracht werden. Daraus ergeben sich Fragen danach, wie Konflikte zwischen dem Ziel einer hohen städtebaulichen Dichte und Anforderungen des Lärmschutzes, Umweltstandards und sozialräumlicher Gerechtigkeit ausgehandelt werden und wie Gebietskategorien selbst solche Spannungen sichtbar machen, strukturieren und steuern. Das Projekt fragt daher nicht nur danach, wie das MU umgesetzt wird, sondern auch danach, was seine Umsetzung über die Governance und die Produktion urbanen Raumes unter widersprüchlichen Planungszielen offenlegt.
Methodisch verfolgt die Forschung einen qualitativen Ansatz. Dieser umfasst leitfadengestützte, teilstrukturierte Interviews mit Akteur:innen, die unmittelbar an der Aushandlung und Umsetzung des MU beteiligt sind, beispielsweise kommunalen Stadtplaner:innen und Projektentwickler:innen. Ergänzt wird dieser Ansatz durch eine Dokumentenanalyse, die unter anderem Planungsdokumente und politische bzw. planerische Analysen umfasst, sowie durch Medienanalysen und Beobachtungsgänge vor Ort. Auf diese Weise soll ein umfassendes Verständnis des MU und seiner inhärenten strukturellen Widersprüche entwickelt werden.
Mein theoretischer Rahmen umfasst Ansätze der Widerspruchsforschung, die für das Projekt von zentraler Bedeutung sind, da sie es ermöglichen, Widersprüche in der Planung als integrale Bestandteile zu verstehen, die an der Gestaltung und Hervorbringung von Raum beteiligt sind. Ergänzend greife ich auf die Legal Geography zurück, um die wechselseitige Konstitution von Recht, Macht und Raum zu untersuchen. Auch Science and Technology Studies (STS) werden einbezogen, da das MU und Gebietskategorien allgemein nicht lediglich als schriftlich fixierte Regelungen funktionieren, sondern als nicht-menschliche Aktanten mit einer eigenen Wirkmächtigkeit verstanden werden können. Darüber hinaus setze ich mich mit der Debatte um Planungskulturen auseinander, um die unterschiedliche Umsetzung und Interpretation desselben Instruments durch verschiedene Kommunen zu verstehen. Schließlich wird Critical Urban Theory herangezogen, um das MU in den Kontext politisch-ökonomischer Machtverhältnisse einzuordnen.
Forschungsinteressen
- Humangeographie
- Legal Geography
- Stadtgeographie
- Kritische Stadtforschung
- Planungskulturen
- Politische Ökologie
- Klimagovernance
Vita
- Seit 06/2025
Wissenschaftlicher Mitarbeiter / Doktorand im Graduiertenkolleg 2686: Contradiction Studies, Universität Bremen - 05/2023 – 11/2023
Produktionsleiter bei Star Entertainment GmbH, Berlin - 10/2022
Heriland Short Blended Course: Cultural Heritage and Spatial Planning, Heriland – Vrije Universiteit Amsterdam, NLD - 11/2021 – 05/2025
Museumsbetriebsleiter bei Brown & Gischler Gbr, Berlin - 10/2021 – 03/2024
M. A. World Heritage Studies, Brandenburg University of Technology Cottbus-Senftenberg
Thema: Climate Governance in World Heritage Cities - Seit 06/2021
Sekretär und Vorstandsmitglied bei der Association of Heritage Consultants, GRC - 09/2020 – 10/2021
Ethnografischer Forscher in Istorima, Imathia und Mazedonien, GRC - 09/2019 – 06/2020
Praktikant im Bereich Politikforschung bei der Hellenic Institute of Cultural Diplomacy, Thessaloniki, GRC - 09/2018 – 08/2020
Projektassistent bei ArtBOX Creative Arts Management, Thessaloniki, GRC - 07/2017 – 08/2018
Kommunikations- und Produktionsassistent bei ArtBOX Creative Arts Management, Thessaloniki, GRC - 10/2015 – 12/2019
B. A. Cultural Heritage Management & New Technologies, University of Patras, GRC
Thema: The Museum and the Concept of the Work of Art: A Case Study Approach - 10/2015 – 12/2019
Computer Science, University of Patras, Agrinio, GRC
Publikationen
- Μαρκόγλου, Κ. & Κ. Χατζηανδρέου (under review). Η πρόσληψη του πολιτιστικού τοπίου της Πεντέλης: τοπική κοινωνία, μνημεία και συμμετοχικές πρακτικές. Critical Studies in Cultural Heritage.
- Aktaş Taban, B. & Konstantinos Chatziandreou. (under review). Reframing Urban Transitions: Institutional Filtering through Centralised Systems in Istanbul and Athens. In S. C. Varis Husar & B. H. Ozuduru (eds.), Transformative Power of Planetary Neighbourhoods. Springer.
- Petäjäjärvi, Krista & Konstantinos Chatziandreou. (Accepted). Mind the gap! – Intermediaries fostering innovation in local authority-driven collaborations with artists. Creative Climate Action Toolkit for Cross-Sectoral Collaboration: The Story of CCI4CHANGE. XAMK University.
- Chatziandreou, Konstantinos, Konstantin-Nikoletta Karasarini, Maria Tamvaki, & Bersu-Aktas Taban. (Accepted). A manifesto for the imaginary just city: End the systemic gap between policy and practice. In Roberto Rocco, Caroline Newton & Juliana Gonçlaves (eds.), A Manifest for the Just City, 5. TU DELFT Open Publishing.
- Chatziandreou, Konstantinos & Wolfgang Haupt. 2026. Integrating Cultural Heritage and Climate Policy? Insights from UNESCO World Heritage Cities. European Planning Studies. 1–23. DOI
- Chatziandreou, Konstantinos. 2024. Climate governance in world heritage cities. Master Thesis. Brandenburg University of Technology Cottbus-Senftenberg. DOI
Vorträge, Workshops und Veranstaltungen
- 01.10.2025
Vortrag Zoning the Future: Urbanes Gebiet as a Legal-Spatial Response to Contradiction in the Climate-Capitalist City im Rahmen der NKG Conference 2025 – Neue Kulturgeographie Conference Speculative geographies of the new climate regime, University of Augsburg - 11.11.2024
Vortrag Climate Governance in World Heritage Cities im Rahmen der Heritage GradConnect Conference, Brandenburg University of Technology Cottbus-Senftenberg - 15.10.2024
Vortrag Environmental Threats im Rahmen der Konferenz Developing Resilience for the Protection of Cultural Venues IAASF, Redworth Hall Hotel, County Durham - 22.10.2021
Vortrag Cultural Heritage in the Era of the Pandemic im Rahmen der International Conference Digital Innovation in Education, Cultural & ScientificHeritage, DiTech Media, Online