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Kimberley Plutat

Qualifizierungsstudierende M.A.

Zwischen Kindheit, Menschsein und Göttlichkeit: Widersprüche in der mentalen Modellbildung bei der Kindheitsdarstellung Jesu im ‚Passional‘

Meine Masterarbeit untersucht die Darstellung der Kindheitsfigur Jesu im volkssprachigen ‚Passional‘ (Ende 13. Jh.) unter dem leitenden Gesichtspunkt ihrer narrativen Widersprüchlichkeit. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass die Bibelepik eine eigenständige theologische und didaktische Funktion erfüllt und biblische wie apokryphe Stoffe erzählerisch ausgestaltet, um Heilsgeschichte anschaulich und emotional zugänglich zu machen. Gerade das ‚Passional‘ zeigt, wie apokryphe Traditionen in einen volkssprachigen Kontext integriert werden, ohne den dogmatischen Rahmen zu sprengen. Die Kindheitsdarstellung Jesu eröffnet dabei ein Feld narrativer Spannungen: Der Text präsentiert Jesus zugleich als göttliche Heilsfigur und als Kind, das in einzelnen Episoden impulsiv, aggressiv oder normverletzend handelt. Diese irritierenden Züge stehen im Kontrast zur erwarteten Sympathielenkung, die mit der Christusfigur verbunden ist.

Die Arbeit verbindet mediävistische Forschungsperspektiven zur widersprüchlichen Figurendarstellung mit der kognitiven Figurennarratologie, um zu zeigen, dass Widersprüche in vormodernen Texten kein Fehler, sondern ein funktionales Erzählprinzip sind. Widersprüchlichkeit erzeugt Kohärenz, indem Gegensätze präsentativ vorgeführt und vom „Modell-Leser“ über kulturelle und theologische Inferenzrahmen verarbeitet werden. Durch diese Verfahren hält der Text das mentale Modell der Figur bewusst instabil und lenkt die Rezeption auf Reflexion, Normprüfung und Bedeutungsbildung.

Ziel der Analyse ist es, die Spannungsfelder zwischen göttlicher Erhabenheit und kindlicher Fehlbarkeit herauszuarbeiten, ihre narrativen Markierungen zu beschreiben und ihre Funktionen innerhalb der Erzählung zu bestimmen. Die Arbeit zeigt, dass die Widersprüchlichkeit der Jesusfigur im ‚Passional‘ nicht trotz, sondern aufgrund dieser Spannung erzählerische und theologische Tiefe gewinnt und zugleich exemplarisch verdeutlicht, wie volkssprachige Bibelepik mit konkurrierenden Deutungshorizonten operiert.

Forschungsinteressen
  • Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit
  • Historische Narratologie
  • Bibeldichtung
Vita
  • Ab 01/2026 Studentische Hilfskraft im Graduiertenkolleg 2686: Contradiction Studies, Universität Bremen
  • Seit 06/2025 
    Qualifizierungsstudierende M.A. im Graduiertenkolleg 2686: Contradiction Studies, Universität Bremen
  • 2024 – 2026
    M.A. Studium Germanistik, Universität Bremen
  • 2024 – 2025 
    Studentische Hilfskraft an der Professur für Germanistische Mediävistik und Frühneuzeitforschung bis zum Ausgang des 16. Jahrhunderts, Universität Bremen
  • 2022 – 2024
    B.A. Studium Germanistik und Religionswissenschaft mit Lehramtsoption; Universität Bremen
Vorträge, Workshops und Veranstaltungen
  • 11/2024
    Vortrag: Die sympathische Zofe. Figurennarratologische Untersuchung zur Sympathielenkung im ‚Mauricius von Craûn‘, AWA Nachwuchstagung „Alte Medien, neue Stimmen“, Universität Wien
Lehre
  • SoSe 2025 Tutorium zur Veranstaltung „Hartmann von Aue: Erec“
  • SoSe 2025 Tutorium zur Veranstaltung „Vorlesung `Höfischer Roman´“
  • WiSe 2024/25 Tutorium zur Veranstaltung „Einführung in die ältere deutsche Literaturwissenschaft“
  • WiSe 2023/24
    Tutorium zur Veranstaltung „Einführung in die deutsche Literaturwissenschaft“