Prof. Dr. Karen Struve, 1. Sprecherin des GRK 2686Foto (c) WFB Bremen/Jan Rathke

Prof. Dr. Karen Struve

Ich bin Professorin für frankoromanistische Literaturwissenschaft mit Forschungs- und Lehrschwerpunkten in den französischen und frankophonen Literaturen und Medien vom 18.–21. Jahrhundert und der postkolonialen und poststrukturalistischen Literatur- und Kulturtheorien an der Universität Bremen. Ich habe u.a. zu rezenten transkulturellen écritures, Ambivalenzkonzepten in der europäischen Aufklärung und Narrationen der Angst gearbeitet. In meiner Forschung begeistert mich besonders die Zusammenarbeit mit Kolleg*innen aus Wissenschaft und Literaturbetrieb in multinationalen und interdisziplinären Projekten. Mir ist dabei die Transfer-Dimension (Third Mission) wichtig: Deshalb engagiere ich mich u.a. als Sprecherin des norddeutschen Frankreich- und Frankophoniezentrums CaNoFF auch für die Sichtbarkeit und das Erleben französischer Literatur und Kultur in der UNESCO-City of Literature Bremen.

Als kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaftlerin treiben mich Widersprüche in vielerlei Hinsicht um: als Denk- und Schreibfigur der Ambivalenz (in) der europäischen Aufklärung; als postkoloniale Kontrapunkte, Writing back oder réécriture in postkolonialen Kontexten; aber auch als Hybridisierungen, in denen Widersprüche hinterfragt und dekonstruiert werden. In den frankophonen (Gegenwarts-)Literaturen und -medien wird um Widersprüchliches gerungen, wenn marginalisierte Lebensentwürfe, gespenstische Erinnerungen oder unsägliche Erfahrungen erzählt werden. Erst in der Perspektive der Contradiction Studies (Études de contradiction) werden diese Figuren und Figurationen des Widersprüchlichen als komplexe Aushandlungen beschreibbar. Literaturen zeigen im Lichte der Contradiction Studies ein spezifisches Potenzial: In literarischen Texten wird Widersprüchliches nicht (nur) als Gegensätze aufgebaut und wiederholt und Widerstand als Gegenposition artikuliert, sondern in Literaturen werden alle Positionen in Bewegung gebracht und damit vermeintlich starre (machtvolle) Dichotomien und Macht-Asymmetrien umgeschrieben.

Solche Analysen benötigen eine interdisziplinäre Multiperspektivik: Die Contradiction Studies sind kein Monolog, sondern ein Dialog mit anderen Perspektiven / wissenschaftlichen Disziplinen / Akteur*innen. Mich begeistert die interdisziplinäre Arbeit an diesem neuen, komplexen Forschungsfeld der Contradiction Studies, dem die Literaturwissenschaften wichtige Impulse zu geben vermögen und zugleich widerspruchsaffine Ansätze für die Literaturforschung fruchtbar gemacht werden können.

Als Sprecherin des Graduiertenkollegs, gemeinsam mit dem Sprecher Ingo Warnke, möchte ich deshalb Doktorand*innen begleiten und fördern, die sicher in einer Disziplin verortet sind und mit großer interdisziplinärer Offenheit neue Blickwinkel einnehmen, andere Forschungsgegenstände entdecken und zu überraschenden Erkenntnissen kommen. Vor allem aber freue ich mich auf Widersprüche im wissenschaftlichen Diskurs, die sich ganz der kollegialen Diskussion um die Sache verschreiben!