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Carolin Zieringer

Für Widerspruch sorgen

In meinem Promotionsprojekt entwickle ich eine feministische Theorie des radikaldemokratischen Widersprechens. Ich plädiere dafür, radikaldemokratische Theorien als zentral um Praktiken des politischen Widerspruchs herum organisiert zu lesen. Von diesem Standpunkt aus ist Widerspruchsfreiheit in einer Demokratie nicht wünschenswert, da sie Ausdruck eines Mangels an Pluralität und Heterogenität ist. Das demokratische Subjekt steht also vor einer doppelten Herausforderung: Es muss den Widerspruch aushalten (Ambiguitätstoleranz), und es muss anderen um der Demokratie willen widersprechen ((Selbst-)Repräsentation). Das Verhältnis von Demokratie und Widerspruch auf diese Weise zu verstehen, bedeutet, ein starkes Subjekt zu behaupten, wie es in der zuletzt häufig wiederholten Formel „Das muss eine Demokratie aushalten können“ sichtbar wird. Ein solches demokratisches Subjekt kann Konflikte in verschiedenen Formen aushalten und es kann für sich selbst widersprechen, wo die Ambiguitätstoleranz an ihre Grenzen stößt. Ein solches Verständnis von Widerspruch birgt demnach ein erhebliches Potenzial für subjektive Emanzipation, während es jeder Art von Paternalismus ablehnend begegnet.

Indem ich diese oft impliziten Genres des Widerspruchs in Konzepten des politischen Handelns und der Un-/Ordnung freilege, zeige ich, dass radikaldemokratische Theorien dazu neigen, die differentielle Abhängigkeit aller Menschen von anderen, d.h. von der Sorge, zu vernachlässigen, während sie den Horizont des politischen Handelns auf bestimmte Formen widersprechender Subjektivitäten verengen. Widerspenstige Formen von Beziehungen, von Fürsprache und Komplizinnenschaft als Formen der Fürsorgebeziehung bleiben untertheoretisiert, während die Ethik der Fürsorge und die tatsächliche Fürsorgearbeit aus dem Bereich des Politischen ausgeschlossen werden. Darüber hinaus werden die Zumutungen und Widersprüche widerständigen Handelns sowie kollektiver Erschöpfung unter zeitgenössischen Bedingungen nicht adressiert.

Unter Bezug auf hauptsächlich feministische und Queeer Crip Theories sowie aktivistische Einwände rund um das komplexe Thema Care, problematisiere ich ein Verständnis des politischen Widersprechens, das die unterschiedlichen Bedingungen und Herausforderungen des Widersprechens nur unzureichend reflektiert. Nicht zuletzt argumentiere ich dafür, dass für radikaldemokratisches Widersprechen gesorgt werden muss und, dass Sorge radikal demokratisch sein muss.

Forschungsinteressen
  • Politische Philosophie/Theorie, insbesondere zu Subjektformationen und Macht
  • (Queer-)Feministische Theorien
  • Radikaldemokratische Theorien, insbesondere Jacques Rancière und Judith Butler
  • Disability Studies und Crip Theory
  • Körper, Relationalität und Fürsorge
  • Post-/De-Koloniale Studien
Vita
  • 2022–2025
    Wissenschaftliche Mitarbeiterin Graduiertenkolleg Contradiction Studies Universität Bremen.
  • 2021–2022
    Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Werkvertragsbasis) WoC Universität Bremen.
  • Seit Juni 2022: Sprecherin im 15. Sprecher*innen-Rat der Sektion Politik und Geschlecht in der deutschen Vereinigung für Politikwissenschaften (DVPW).
  • 2018–2022
    M.A. Politische Theorie Goethe-Universität Frankfurt/M. und TU Darmstadt
    MA-Arbeit Haltungsfragen. Versuch einer feministischen körpertheoretischen Perspektive auf die kritische Haltung.
  • 2019–2021
    Projektkoordinatorin und kollektive Kuratorin Nocturnal Unrest. Ein feministisches Festival für Theorie, Performance und radikale Flâneuserie. nOu Kollektiv und Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt.
  • 2017 – 2018
    M.A. Anthropology and Cultural Politics Goldsmiths College London
    M.A.-Arbeit En-Gendering Space. Female Recreational Boxing in South-East London (ausgezeichnet mit dem Pat-Caplan-Award).
  • 2013–2017
    B.A. Politik- und Kulturwissenschaften Universität Bremen und Universidad de Salamanca (Erasmus-Semester)
    B.A.-Arbeit Die Grenzen der Menschenrechte. Zur Politik des Menschlichen.
Publikationen
  • Poppinga, Almut & Streinzer, Andreas & Zieringer, Carolin & Wanka, Anna & Marx, Georg. 2021. Moralische Überforderung und die Ambivalenz des Helfens in der Coronakrise. In Beuerbach et al. (eds.) Sinn in der Krise. Kulturwissenschaftliche Analysen der Corona-Pandemie, 75-90. Berlin, Boston: DeGruyter.
  • Streinzer, Andreas & Poppinga, Almut & Zieringer, Carolin &Wanka, Anna & Marx, Georg. 2020. Familial Intimacy and the ‘Thing’ between Us. Cuddle Curtains and Desires for Detached Relationality In Anthropology in Action 27(2), 68-72.
  • Streinzer, Andreas & Wanka, Anna & Poppinga, Almut & Zieringer, Carolin & Marx, Georg. 2021. Near Co-Laborations. The VERSUS Project as Relational Epistemic Practice to Analyse the COVID-19 Pandemic In Eitel et al. (eds.) Interventions with/in Ethnography. Kulturanthropologie Notizen 83, 73-84.
  • Zieringer, Carolin & Leonhardt, Christian. 2020. Die Ironie der Politik. Rancière mit queer-feministischen Perspektiven weiterdenken. In Gebhardt (ed.) Staatskritik und Radikaldemokratie. Das Denken Jacques Rancières, 173-190. Baden-Baden: Nomos.
  • Zieringer, Carolin. 2017. ‚Was wäre, wenn ich wüsste, wer ich sein könnte?‘ Ein Essay zum Zusammenhang von Wissen und Identität am Beispiel der Identitätsposition ‚Frau‘. In ZKFF Bremen (ed.) Geschlechterverhältnisse in Wissenschaft & Gesellschaft, 157-171. Hamburg: Dr.-Kovac. 
  • Zieringer, Carolin. 2017. Review Kritische Kollektivität im Netz von C. Wiedemann In Surveillance Studies Blog.
Vorträge, Workshops und Veranstaltungen
  • 2023
    Vortrag Das muss eine Demokratie aushalten: Eine feministische Problematisierung des Aushalten-Könnens von ‚Ungewissheit und Widerspruch‘, bei der Konferenz Politisch Theorie in Zeiten der Unsicherheit, Universität Bremen.
  • 2023
    Vortrag Das muss eine Demokratin aushalten können“: Eine Problematisierung des Aushalten-Könnens im Dialog mit feministischen Perspektiven auf Sorge/Care bei der Dreiländertagung Politikwissenschaft Zeitenwende – Politik(Wissenschaft) in unsicheren Zeiten, Johannes Kepler Universität Linz.
  • 2023
    Vortrag How to Keep Theory Open to Contradiction mit Dr. Christian Leonhardt und Samia Mohammed, Universität Bremen.
  • 2023
    Vortrag Performing and Withstanding Contradictions or: an Uneasy Hunch mit Kommentaren von Dr. Rosine Kelz (U Bremen) und Dr. Brigitte Bargetz (U Kiel), Universität Bremen.
  • 2022
    Vortrag Sperrige Partizipation. Politische Praxis zwischen (Selbst-)Regierung und Freiheit mit Martin Nonhoff auf dem interdisziplinären Workshop Freiwilligkeit und politische Partizipation im Rahmen der DFG-Forschungsgruppe „Freiwilligkeit/Volutariness“.
  • 2022
    AG Leitung Queering Knowledge(s): Queer feminist perspectives on science and knowledge bei der Queer Akademie der Studienstiftung des Deutschen Volkes e.V.
  • 2022
    Organisation und Moderation, Filmscreening und Gespräch Concerning Violence. De-Kolonialität gestern und heute mit Frantz Fanon denken mit Matti Traußneck und Miriam Yosef zu Gast, Universität Bremen.
  • 2022
    Panelistin (nOu Kollektiv) Festivals kuratieren – ein Erfahrungsaustausch. Symposium Undoing Mastery des SFB Affective Societies/Institut f. Theaterwissenschaft HU Berlin.
  • 2019
    Vortrag Embodied knowledge and space. Female recreational boxing in South-East London. LOVA (Association for Feminist Anthropology) Study Day Gender Moves, Universität Leiden.
  • 2019
    Vortrag Serious Fun. Experimental ethnographic methods for research on humour and joy in feminist activism. Tagung am Institute for Advanced Studies, University College London.
  • 2018
    Workshopleitung Ecstatic Bodies. Agency und Verantwortung bei Judith Butler.
    Queeres Netzwerk der Studienstiftung des Dt. Volkes.
  • 2015
    Tagungskonzeption und -leitung Politik- und kulturwissenschaftliche Kritiken des Humanitarismus mit Pauline Anton Uni Bremen / Studienstiftung des deutschen Volkes e.V.
Lehre
  • WiSe 23/24 | U Bremen
    Co-Teaching Seminar ‚Abolition requires that we change one thing, which is everything‘ – Abolitionistische Perspektiven auf Freiheit und Sorge.
  • SoSe 22 & SoSe 23 | U Bremen
    Übung Einführung in die politische Theorie.
  • WiSe 20/21 | Goethe Universität Frankfurt/M.
    Autonomes Tutorium Der ‚Lesbische Blick‘ und feministische Politiken der (Un-)Sichtbarkeit inkl. Workshop mit Dr. E. v. Redecker und Dr. L. Duggan.
  • WiSe 19/20 | TU Darmstadt
    Co-Teaching Autonome Tutorium Frauen* in der Nacht. Von nächtlicher Emanzipation, Flanieren in der Dunkelheit & un(-vorher-)gesehener Performance.
  • WiSe 19/20 | Goethe Universität Frankfurt/M.
    Tutorin Einführung in die Rechtsphilosophie.
  • Betreute Abschlussarbeiten

Betreuung

  • 2023 | U Bremen
    Bachelorarbeit im Fach Politikwissenschaft, Zweitbetreuerin/-gutachterin von Jendrig Greiwe
    Titel der Arbeit Die Grenzschutzpolitik der Europäischen Union – post-koloniale Gewalt im Mittelmeer.
Paradoxie

„Die Grundlage des Rechts ist keine Idee als systematisches Einheitsprinzip sondern eine Paradoxie.“

Andreas Fischer-Lescano
Diversität und Vielfalt

„Seid dabei, mehr Diversität und Vielfalt in die Wissensproduktion zu bringen.“

Gisela Febel
Stadt

„Die Stadt ist nicht nur ein Labor der Moderne, sondern auch ein Labor von Widersprüchen.“

Julia Lossau
Bhabha zu Aufklärung und Kolonialität

„Homi Bhabha sagt über den Widerspruch zwischen den Idealen der Aufklärung, dem Anspruch auf Demokratie und Solidarität und der gleichzeitigen Kolonisierung und andauernden Kolonialität: ‚Diese ideologische Spannung, die in der Geschichte des Westens als despotische Macht im Moment der Geburt von Demokratie und Moderne sichtbar wurde, ist noch nicht angemessen in einer widersprüchlichen und kontrapunktischen Diskurstradition beschrieben worden.‘“

Kerstin Knopf
Zwischenraum

„Der Widerspruch des Rechts bei Derrida liegt in dem Zwischenraum, der die Unmöglichkeit einer Dekonstruktion der Gerechtigkeit von der Möglichkeit der Dekonstruktion des Rechts trennt.“

Andreas Fischer-Lescano