
In Debatten um Wissenschaftsfreiheit in Deutschland wird nicht selten der aus dem nordamerikanischen Raum stammende Begriff der Cancel Culture gebraucht, um eine Gefährdung der Wissenschaftsfreiheit zu monieren, die durch eine Verengung von Grenzen der Sagbarkeit bedroht sei. Im semantischen Kampf um Wissenschaftsfreiheit steht diesem Standpunkt mit Referenz auf das Grundgesetz die Kritik einer Vermischung von Wissenschafts- und Meinungsfreiheit gegenüber. Die Metathematisierung von Sagbarkeitsgrenzen um den Begriff Cancel Culture konstuieren somit eine wesentliche Konfliktlinie im agonalen Streit um Wissenschaftsfreiheit. Um die Interdependenzen der unterschiedlichen semantischen Kämpfe zu fassen, werden das discursive Wissen um Wissenschaftsfreiheit sowie die hinter Cancel Culture – meist implizit bleibenden – evozierten Bedeutungsaspekte mittels einer Topos-Analyse rekonstruiert. Die mindestens dichotome Struktur der Positionierung, die einem agonalen Zentrum zugrunde liegt, wird mittels der herausgearbeiteten Topoi näher bestimmt, wodurch die Stellung von Cancel Culture als komplexitätsreduzierendes Positionierungsvehikel im Diskurs um Wissenschaftsfreiheit herausgearbeitet wird.
Herford, Lara. 2026. Cancel Culture als Positionierungsvehikel im semantischen Kampf um Wissenschaftsfreiheit. In WOC GradNet (Hrsg.), Wissenschaftsfreiheit im Widerspruch. Beiträge zu einer Debatte im akademischen Feld. 11–37. Wiesbaden: Springer VS, https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-49887-0_2.
ISBN: 978-3-658-49886-3
ISBN E-Book: 978-3-658-49887-0