Workshopbeitrag von Kim Wagener an der FernUniversität Hagen

Am 25. Juni 2026 stellt Kim Wagener im Rahmen des Workshops „Phänomenologie der Situation und situierte Lektüren“ an der FernUniversität in Hagen Teile aus deren Dissertationsprojekt vor. Der Workshopbeitrag trägt den Titel „Sprechen-‚Mit‘“ und leistet ausgehend von Nancy einen Beitrag zu einer Phänomenologie der Situation:

Praxen der kritischen Situierung von Wissensproduktion schließen an feministische Epistemologien der 1980er Jahre an, die den männlich geprägten Objektivitätsbegriffs der westlichen Moderne kritisieren. In den aktuellen Debatten um Identitätspolitiken sowohl in- als auch außerhalb akademischer Wissensproduktion werden diese Praxen teilweise mit Sprechen-‚Als‘ oder gar mit „Ich-Sagen“ gleichgesetzt. In Abgrenzung von dieser Verengungen auf subjektzentrierte Sprechakte, schlägt mein Workshopbeitrag eine differenztheoretisch fundierte Lesart der Situierung als Sprechen-›Mit‹ vor. Diese Lesart geht anschließend an Jean-Luc Nancy von der Annahme aus, dass jede ›ich‹-sagende „Instanz“ dies je schon „im Horizont eines ‚Mit-Anderen““ (Bedorf 2007, 695) tut. Diese horizonthafte, d. h. strukturelle Verschränkung des Eigenen mit dem Fremden macht die körperlich-leibliche Situiertheit nicht bloß als eine Position unter anderen begreiflich, sondern gleichsam als den genetischen Nullpunkt der Verräumlichung, Erfahrung und gemeinsamen Sinngebung selbst. Dabei bildet ‚mit‘ als Existential des Eigenen die Prä-Position einer Situation, die ihrerseits ohne jedwede Position ist. Statt im Begriff der Situation bloß das phänomenale Moment der Erfahrung oder im kantischen Sinne deren ermöglichende Bedingung zu fassen, schlägt mein Workshopbeitrag mit Nancy vor, unter »Situation« die gleichzeitig ontologische wie gesellschaftliche Genese der (Ko-)Existenz als solcher zu versammeln. Ausgehend von Nancys 2000 erstmals veröffentlichtem Essay L’Intrus  (dt. Der Eindringling, 2000), der von dessen Erfahrung seiner 1991 erfolgten Herztransplantation ausgeht, lade ich zu einem gemeinsamen Nachdenken über die Einsicht ein, „dass die ganze Voraussetzung des Seins in seiner Nicht-Voraussetzung bestehen muss.“ (Nancy 2016, 93. Herv. i. O.) Anhand der Figur der „Verpflanzung“ (greffe) als Erfahrung des „Heraustretens“ in einen „von allem Eigenen, von allem Inwendigen und Vertrauten“ (Nancy 2000, 29) geleerten Raum macht mein Beitrag die körperlich-leibliche Exponiertheit, wechselseitige Angewiesenheit und das pathische Moment des gemeinsamen Seins mit Nancy zum Ausgangspunkt einer Reflexion auf spezifische Formen einer situierten Praxis des Sprechens-›Mit‹. Schließlich stellt Nancys essayistisches Schreiben, welches biografische Erfahrungen mit konzeptuellen Überlegungen verknüpft, die Frage nach möglichen „performativen“ Konsequenzen eines auf Selbst-Fremdheit gegründeten Differenzbegriffs und der paradoxalen Annahme eines singulär-pluralen Seins.

Weitere Informationen zum Programm siehe Workshop-Webseite.

Literatur

Bedorf, Thomas. 2007. Bodenlos: Der Kampf um den Sinn im Politischen. Deutsche Zeitschrift für Philosophie 55(5). 689–715.

Nancy, Jean-Luc. 2000. Der Eindringling. Das fremde Herz. Merve.

— 2016. singulär plural sein. diaphanes.

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